Der Cerro Torre in Patagonien ist einer der berühmtesten Berge der Welt: atemberaubend schön, von Stürmen umtost und Legenden umrankt ragt der "Schrei aus Stein" 3.128 Meter in die Höhe. Am 20./21. Januar 2012 gelang es dem 21-jährigen David Lama aus Österreich die Ostwand des Berges als Erster im Freikletterstil zu bezwingen.

Die Bergsteigerwelt staunte nicht schlecht, als 2009 der damals 19-jährige David Lama verkündete, den Cerro Torre als erster über die Kompressorroute im Freikletterstil besteigen zu wollen. 2008 noch Gesamtweltcupsieger im Wettkampfklettern, kannte man den jungen Österreicher zwar als erfolgreichen Sport- und Kunstwandkletterer, im großen Alpinismus hatte er sich bislang vergleichsweise wenig Sporen verdient. Hochkarätige Alpinisten waren bereits an einer freien Begehung der Ostwand des Cerro Torre gescheitert, viele hielten die Wand in diesem Stil für nicht bezwingbar.

Bei seinem ersten Versuch 2009/10 wurden Lama und sein damaliger Partner Daniel Steuerer förmlich aus der Wand geblasen. Das Patagonische Schlechtwetter traf sie mit voller Wucht. In über achtzig Tagen, die sie vor Ort waren, konnten sie lediglich drei verzweifelte Versuche starten. Keine einzige Seilschaft erreichte in dieser Saison den Gipfel. Zudem geriet Lama ins Kreuzfeuer der Kritik. Fixseile und Haken, die für ein Kamerateam platziert wurden, konnten aufgrund von anhaltenden Schlechtwetters nicht gleich aus der Wand geholt werden. Auch im darauf folgenden Jahr schien Lamas Vorhaben unter keinem guten Stern zu stehen. Der Traum vom Freiklettern schien erneut an der Granitwand und an den miserablen Wetterverhältnissen zu zerplatzen. Lama und sein neuer Partner Peter Ortner erreichten gegen Ende ihres Aufenthaltes den Gipfel in technischer Kletterei, der Freiklettererfolg scheiterte aber erneut.
Gerade als Lama 2012 für seinen dritten Versuch in Patagonien ankam, wurde der von Mythen umwobenen Historie des Berges ein weiteres kontroverses Kapitel hinzugefügt. Dem Amerikaner Hayden Kennedy und dem Kanadier Jason Kruk gelang im Januar 2012 die erste technische Begehung ohne die historischen Haken von Cesare Maestri. Im Abstieg schlugen sie nach ihrer erfolgreichen Besteigung über hundert der historischen Haken aus der Wand. Während in der Kletterwelt über die Tat der beiden Nordamerikaner heiß diskutiert wurde, schien Lamas Traum von einer freien Begehung endgültig geplatzt zu sein, wollte er sich doch an eben diesen Bohrhaken sichern.
Als aber nun das Wetter endlich stabil genug für einen Versuch in freier Kletterei war, stiegen Lama und Ortner trotzdem in die Wand ein. Durch die abgeschlagenen Haken erwies sich ihr Vorhaben nicht nur als noch schwieriger, sondern auch als gefährlicher. In 24 Stunden Kletterei und einem eiskalten Biwak in den Eistürmen des Cerro Torre gelang es dem Ausnahmekletterer einen frei kletterbaren Weg durch die senkrechten Granitwände zu finden. Einige Male stürzte David ins Seil, konnte aber schließlich alle Seillängen frei durchsteigen und seinen großen Traum realisieren. |